Das ARSCHLOCHSPIEL - Indonesia

Eine Erinnerung an eine emotionale Partie und einen prima FB-Beitrag von Heiko ten Voorde, den von mir nicht nur literarisch geschätzten Kollegen. Hiermit habe ich seinen Beitrag vor dem ewigen Facebookscrollkeller gerettet! Mehr von Heiko findet Ihr hier:  https://www.brettspielenköln.de

"#10V  - Es gibt Spiele, in denen halten sich alle an der Hand, unternehmen eine weitreichende Weltreise, bekämpfen bösartige Bazillen und verarzten vielverzweigte Virenstämme. Es gibt Spiele, in denen zerbrechen Freundschaften kurzzeitig über ein Stück Wolle und ein Bund Weizen, werden Familien entzweit über einen Bahnhof oder einen mittelteuren Straßenzug. Und es gibt Splotter.
Der niederländische Zwergverlag, der seit sieben Jahren gefühlt ausschließlich durch Neuauflagen von Food Chain Magnate sein wirtschaftliches Überleben sichert, steht in der Kennerspielwelt synonym für „bockeschwer“, „anspruchsvoll“ und „Box geht nicht richtig zu“.
Gemessen an der taktischen Spieltiefe fallen alle Splotter-Spiele in meiner Sammlung in die Kategorie „Endboss“. Genau richtig also für eine Freundin, die sich in einem Anfall von Übermut eine echte Herausforderung gewünscht hatte. Der Wunsch meiner Mitspieler ist mir üblicherweise Befehl, so dass ich ihr zum Aufwärmen jüngst Indonesia vor die Nase gesetzt habe. (Spoiler: Sie hat gewonnen.) Leider fiel meine persönliche Nemesis wegen Prüfungsvorbereitungen im Kreativen Ausdruckstanz am betroffenen Tag aus, daher setzte ich eine zweite Runde an und lud die stärksten Spieler ein, die meine Freundesliste zu bieten hatte. Und Thomas H.!
Wäre dieser Abend ein MMORPG gewesen, hätte der unauffällige Elfendruide seine Gruppe zum Kampf gegen den Endboss mit einem grummeligen Zwergentüftler, einem grobschlächtigen Orkkrieger, einer kalkulierenden Menschenpriesterin und einem verschlagenen Blutelfschurken besetzt.
Besagter Schurke jedoch verließ die Gruppe MMO-typisch kurz vor dem Raid, um auf einer anderen Party zu tanzen, so dass das Bossmonster in einer fröhlichen Viererkombination angegangen wurde.
Wäre alles kein Problem gewesen, wenn ich nur darauf geachtet hätte, dass die Priesterin in ihrer Charakterbeschreibung „Arschloch-Spiele“ ausgeschlossen hat und ich mit dem Öffnen der Haustür einen Goldfisch in einen Karpfenteich hinablasse. Indonesia gilt seit der Einführung 2005 nicht zu Unrecht als Klassiker, ist den meisten Menschen allerdings durch die kleine Auflage und große Einstiegshürde unbekannt. Ein wenig bieder kommt es daher; in erdigen Beigetönen liegt ein schmaler Spielplan auf dem Tisch, daneben ein wenig groß geratene Ressourcen, aber auf die Größe kommt es ja nicht an.

Wir spielen Unternehmer im modernen Indonesien der 1970er-Jahre, gründen Firmen, verkaufen Waren an Städte, bis diese ihren Bedarf erfüllt haben und fusionieren gegnerische Unternehmen, wenn es unserer Agenda zweckdienlich scheint. Die sogenannte Mergers-Phase ist, wo Indonesia als Brillant erstrahlt. Und wo Freundschaften zerbrechen.
Es fing harmlos an. Die ersten beiden Schifffahrtsfirmen, die unerlässlich sind für Produktionsfirmen, um ihre Waren in die Städte zu transportieren gingen an den Mann, bzw. die Frau. Reis und Gewürze purzelten hinterher, erste Gewinne wurden eingefahren. Zeit, ein wenig Geld neu zu distribuieren.
Als bisher einziger, der im Forschungsschritt seine Punkte für Fusionen ausgegeben hat, versuche ich meinem erfolgreichen Konkurrenten das Geld rauszulatschen, indem ich seine Transportfirma mit der meiner Sitznachbarin fusioniere, um danach unsere beiden Produktionsfirmen fusionieren zu können, die er sich dann nicht mehr leisten kann. Ein toller Plan. Dachte ich…
Plötzlich aufwallende Hitze von rechts lässt mich befürchten statt einer Firmen- versehentlich eine Kernfusion eingeleitet zu haben und mir fliegt der verbale Charakterbogen entgegen, auf dem klar und deutlich „keine Arschlochspiele!!!eins!elf!1!“ steht. Nicht nur, dass mein Versuch, meinen Gegner finanziell zu schwächen, glorreich fehlschlug, da meine Sitznachbarin nicht hoch genug mitbieten konnte, um ihm richtig Geld rauszuleiern, ich hatte ihm nun auch noch eine halbe Transportmacht zugeschranzt, während rechts von mir Zeter und Mordio über das Spielfeld flogen.
Derart eingeschüchtert beendete ich die Fusionsphase vorzeitig und begrub meine Pläne vorerst, doch das Eintreten in ein neues Zeitalter machte aus dem neuen Star der Schifffahrtslinien auch noch den König des Kautschuks.
Wer die Splotter-Spiele kennt, weiß: Wenn’s einmal rollt, rollt’s. In diesem Fall für einen bergauf, für die anderen drei bergab. Splotter macht keine Spiele, in denen man zwei Stunden dümmlich dümpeln kann, um dann am Ende doch noch einen Mini-Playback-Show-Mitmachpreis zu bekommen. Wer hier in den Matsch fällt, der wird noch in den Boden gemöllert. 
So kam es durch den drohenden Ausbruch des Krakatau am Tisch dazu, dass die genialste Phase des Spiels, das sinnstiftende Element dieses Klassikers, beinahe komplett vernachlässigt wurde. Gnadenlose sechs Stunden schlich das Spiel daher siechend vor sich hin, Thomas nahm durch sein Kautschuk-Monopol immer mehr die Form des Michelin-Männchens an, Michael sortierte bereits die Gedanken, mit denen er seine Wackelvideos untertiteln würde.
Dieses Spiel konnte nun entweder als blasse Wirtschaftssimulation (UND ARSCHLOCHSPIEL ERSTEN RANGES!!1!elf!!) ins kommunikative Gedächtnis der Anwesenden eingehen oder ich riskiere die Reste meines guten Rufs, um wenigstens einmal zu zeigen, was möglich wäre, wenn nur Haifische im Becken schwimmen. Demnach fusioniere ich meine gut gehende Ölfirma mit nur einer Produktion und keinem Anschluss an irgendeine Schiffslinie mit der gerade so am Überleben kratzenden, zentral von großen Städten gelegenen Ölfirma, die ausgerechnet meiner Sitznachbarin gehört. Ich spekuliere darauf, dass sie mir den Schrott billig abkauft oder ihre eigene Firma verliert. Ein Spielzug, so dreckig, so hinterhältig, dass ich dachte, ich sei in der falschen Facebookgruppe.
Mein rechter Oberarm ist bereits übersät von dicken Brandwunden, als der nebensitzende Krakatau nun endgültig in die Luft geht. Ich wage nicht einmal mehr zur Seite zu schauen, aus Angst vor dem Todesblick und berechne innerlich, ab welcher Größe eine Pralinenschachtel Mengenrabatt bekommt.
Letztendlich ist Thomas nicht mehr hinter seinem Geldhaufen zu sehen, als wir zum Spielende unser Vermögen feststellen und ich immerhin um Erfahrung reicher. Unsere Menschenpriesterin bleibt bei diesem Endboss auf der Strecke, doch ich bin sicher, dass sie sich irgendwann wiederbeleben wird. Dann weiß ich auch, was ich ihr nicht mehr vorsetzen darf."

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